Archive for February, 2013


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2007 produzierte Adam Curtis für die BBC die dreiteilige Dokumentations-Reihe “The Trap“, deren erster Teil “F**k You Buddie” den Einfluss der sogenannten Spieltheorie auf die Entstehung des modernen kapitalistischen Menschenbildes beschreibt, wonach das egoistische Vorteilsstreben des Einzelnen gesamtgesellschaftlich zu mehr Wohlstand führen soll. Es ist von John Forbes Nash die Rede, dessen paranoides Misstrauen gegenüber anderen Menschen zur Entwicklung der spieltheoretischen Grundlagen beitrug, und der in der RAND Corporation seine Ideen in den Dienst der Strategien des Kalten Kriegs stellte (Nashs Leben wurde in “A Beautiful Mind” verfilmt). Es wird der Einfluss Friedrich Hayeks auf das aktuelle neoliberale Weltbild beschrieben, das staatliche Eingriffe und Regulierungen ablehnt und die Gesellschaft in einem durch natürlichen Egoismus erzeugten Gleichgewicht sieht. Liest man die Synopsis von “F**k You Buddie” oder schaut sich die Dokumentation von Adam Curtis an, so drängen sich erstaunliche Parallelen zu den Argumenten auf, die Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch “Ego: Das Spiel des Lebens” anführt.

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Ich habe das Buch nicht gelesen – es erscheint erst morgen -, aber es verspricht, einige wichtige Gedanken anzustoßen. Im Kern geht es um eine mathematisch modellierte Gesellschaft, in der sich die Macht von demokratisch legitimierten Regierungen in Richtung eines Informationskapitalismus verschiebt, der ideologisch in den egoistischen Spieltheorien des Kalten Krieges verwurzelt ist. Paradigmatisch hierfür steht der algorithmische Hochgeschwindigkeitshandel des Finanzmarkts, für dessen volkswirtschaftliche Schäden die Steuerzahler aufkommen müssen.

Zu hoffen ist, dass Schirrmachers Buch nicht ähnlich verschwörungstheoretisch daher kommt wie die Dokumentationen von Adam Curtis. Curtis’ hoch-suggestiver Montagestil aus BBC-Archivmaterial vermag zwar so einige Konspirations-Schauer zu erzeugen, auch erscheint der Argumente-Remix aus vordergründig entfernten Disziplinen auf den ersten Blick inspirierend. Aber bei genauerer Betrachtung wirken viele Zusammenhänge konstruiert und lückenhaft. Die aktuelle Dokumentations-Reihe von Adam Curtis aus dem Jahr 2011 macht das besonders deutlich: “All Watched Over By Machines Of Loving Grace“. Der Themenmix der ersten Folge könnte eine direkte Inspiration für Frank Schirrmacher sein: der mitleidlose “rationale Objektivismus” der Schriftstellerin Ayan Rand, die Rolle ihres Anhängers Alan Greenspan während der Finanzkrisen der letzten zwei Jahrzehnte, die Lewinsky-Affäre von Bill Clinton und die Califonian Ideology des Silikon Valley werden zu einem wackeligen Ursache-Wirkung-Zusammenhang verwoben.
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So steil die Thesen von Adam Curtis auch sind, so liefern sie doch attraktives Gedanken- und Augenfutter. “All Watched Over By Machines Of Loving Grace” verdanke ich zum Beispiel ein Zitat von Carmen Hermosillo aus dem Jahr 1994, die unter dem Pseudonym Humdog in Chatrooms und Internetforen postete und mit dem Text “pandora’s vox: on community in cyberspace die damals einsetzende Kommerzialisierung der Online-Kommunikation anprangerte. Ihre Beschreibung des “Zur-Ware-Werdens” persönlicher Daten und der Entstehung neuer Hierarchien durch die Informationsansammlung in den Händen weniger monopolistischer IT-Unternehmen liest sich heute so aktuell wie vor 19 Jahren und fügt sich sicherlich nahtlos in Frank Schirrmachers aktuelles Buch:

i have seen many people spill their guts on-line, and i did so myself until, at last, i began to see that i had commodified myself. commodification means that you turn something into a product which has a money-value. i created my interior thoughts as a means of production for the corporation that owned the board i was posting to, and that commodity was being sold to other commodity/consumer entities as entertainment. that means that i sold my soul like a tennis shoe and i derived no profit from the sale of my soul.

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Dies ist die Geschichte eines Mischpults und der Musik, die durch dieses Mischpult auf eine besondere Weise zum Klingen gebracht wurde. Es ist die Geschichte von verschwitztem Rock’n’Roll und einer Ära, in der Tonstudios noch eine Aura des Heiligen hatten aufgrund der legendären Platten, die in ihnen aufgenommen wurden. Zu Beginn der 70er Jahre kauften die Betreiber des Sound City Studios in LA für 74000 US$, damals ausreichend für einen Häuserkauf, eine der weltweit an einer Hand abzählbaren Neve 8078 Konsolen des britischen Audio-Gurus Rupert Neve. In Kombination mit dem für fette Drumsounds prädestinierten Aufnahmeraum entwickelte sich Sound City zu einem der gefragtesten Musikstudios in Amerika, von Neil Young, Fleetwood Mac, Tom Petty and the Heartbreakers, Foreigner, Rick Springfield bis Barry Manilow kamen alle, um in den miefigen und chaotisch geführten Studioräumen an ihren Platten zu arbeiten, Sessions zu spielen und auch einmal “in die Ecke zu pinkeln”. Sound City stand für einen ehrlichen, unverfälschten und warmen Sound, der in den 70er Jahren auf der Höhe der Zeit war. Als sich in den 80er Jahren die Sound-Ästhetik der Pop- und Rockmusik änderte - digitale Technologie trat in den Studioalltag, Drum Machines und Sequenzer ersetzen Studiomusiker und das Spielen zu einem Clicktrack wurde zur Gewohnheit – geriet Sound City in finanzielle Schieflage, die Aufträge blieben aus, da viele der Top-Produzenten in modernere Studios abwanderten.

Anfang der 90er Jahre stand Sound City vor dem Bankrott. Die Studiomiete war so günstig wie nie, als eine damals noch unbekannte Band namens Nirvana von ihrem Label in die Sound City Studios geschickt wurde, um ihr zweites Album “Nevermind” aufzunehmen. Der Rest ist Rock-Geschichte. Dave Grohl, damals als Drummer gerade neu zu Nirvana hinzugestoßen, ist heute der Überzeugung, dass Nirvana ohne das Aufnahme-Studio Sound City nie zu ihrem Grunge-Stardom gelangt wären. Als das legendäre Studio 2011 tatsächlich Pleite ging, war er es, der das Neve-Mischpult kaufte und in das Studio der Foo Fighters schaffte. Durch ein paar Videoaufnahmen über den Transport animiert entstand die Idee, eine abendfüllende Dokumentation über das Mischpult und das Studio zu drehen. Yes: Dave Grohl hat seine erste Regiearbeit abgeliefert und dieses Jahr beim Sundance Film Festival vorgestellt. Seit Anfang Februar ist der Film “Sound City” online erhältlich.

Was kann man über Dave Grohl als Filmemacher sagen? Aus dem Blickwinkel eines Cineasten oder anspruchsvollen Dokumentarfilmers ist der Film purer Trash: Dave Grohl agiert zuerst als Interviewer, der viele der legendären Musiker, Produzenten und Techniker um das Sound City Studio befragt und in MTV-Manier zu einem bunten Bilderbogen montiert. Er ist so geflasht von seinem Thema, dass er alles in seinen Film packen will: die technischen Details der Analog-Technik, die musikgeschichtlichen Highlights der Sound City Produktionen, die persönlichen Schicksale der Studio-Angestellten, ja selbst der Kampfhund von Rick Springfield bekommt seinen Eintrag ins Poesiealbum. Nach 70 Minuten endet der historische Teil der Doku und eine andere Doku beginnt, in der Dave Grohl selber zum Mittelpunkt wird: er hat im letzten Jahr mit Mitgliedern seiner Bands Nirvana, Foo Fighters und Queens of the Stone Age mehrere der Sound City Legenden zu Sessions in sein Studio geladen, um dem Neve-Mischpult zu Ehren ein Album aufzunehmen. Der Film ist wie eine großartige Rockband ohne Produzenten als Korrektiv: sprunghaft, grob, anmaßend. Aber genau das ist vielleicht das reizvolle und sympathische an der Dokumentation: sie atmet in ihrer Vermittlung eben jenen Geist des Rock’n’Roll, den sie zum Thema hat. Und für alle Gear Slutz unter meinen Freunden ist der Film eine absolutes Muss: kaum eine Rock-Doku hat der technologischen Seite der Musik so einen hohen Stellenwert eingeräumt. Und wenn das alle Technik-Phobiker abschreckt: es gibt genügend Gänsehautmomente, wenn man mit der Grunge-Musik der 90er Jahre aufgewachsen ist und einem Bands wie Rage Against The Machine, The Pixies, Trent Reznor von Nine Inch Nails oder auch der Produzent Rick Rubin nicht vollständig egal sind.

Das Studio stand in den 90er Jahren für eine Rückbesinnung auf den ehrlichen, handwerklichen Begriff vom Musikmachen – “24 Track Mentality”, wie James Brown (der Produzent, nicht Musiker) es nennt: die kleinen Fehler und Ungenauigkeiten, die entstehen, wenn ein paar Musiker gemeinsam spielen, die 24-Spur-Bänder, die sich nur sehr mühsam im Vergleich zur digitalen Technologie editieren lassen und die Musiker dazu zwingen, Stücke in einem Take aufs Band zu bringen. “ You commit to what it is. With Pro Tools you are not forced to make decision, you don’t have to commit.” Entlang des Analog-Digital-Schismas wirken viele der Rockgrößen wie Öko-Fundies, die ihre biologisch-dynamische Landwirtschaft verteidigen. Aber neben allem wertkonservativen Analog-Fetischismus stellt Dave Grohl auch wichtige Fragen nach den sozialen Aspekten der Rockmusik, die im Zeitalter des digitalen Laptop-Studios verloren zu gehen scheinen. Mick Fleetwood sagt in der Doku: “I think the downside these days is thinking: I can do this all on my own. Yes, you can do this on your own. But you will be a much happier human being, when you do it together with other human beings. And I can garantee you that.” Bei aller Nostalgie steckt ein Wahrheitskern in solchen Aussagen: zu viel Musik wird reißbrettartig am Bildschirm entwickelt und erst danach von Musikern eingespielt, wenn überhaupt. Das Produzieren von Musik über Kontinente hinweg ist Segen und Fluch zugleich: Musiker spielen gemeinsam Songs ein, ohne sich jemals gesehen zu haben, was großartige Möglichkeiten eröffnet. Aber gleichzeitig wird das Spontane und Unwiederholbare einer Live-Session immer häufiger durch enge Produktionsetats unmöglich gemacht. Der Größenwahn des goldenen Studiozeitalters ist definitiv vorbei. Die digitale Revolution hat aber nicht nur die Produktion sondern auch die Distribution der Musik grundlegend verändert. Auf diesen zweiten Aspekt kommt Dave Grohl in seiner Doku gar nicht erst zu sprechen, denn bei dem Thema kann man sich leicht die Finger verbrennen. Die digitale Distribution von Musik hat zu einem enormen Wertverlust von Musikaufnahmen geführt, “recorded music is dead”, heißt es, oder zumindest befindet sich der Preis für aufgenommene Musik in einem “race to the bottom” und jedes Label wird sich genau überlegen, wieviel Geld es in Studioaufnahmen stecken will. Auch das ist ein wesentlicher Grund für das große “Studiosterben” im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre.

Muss man deswegen über die Digitalisierung lamentieren und der Meinung sein, dass früher alles besser war? Dave Grohl gibt zu Beginn seiner Doku selbst eine Antwort darauf: “When you are young you are not afraid of what comes next, you are excited by.” Digitale Technologien haben das Musikschaffen von vielen wirtschaftlichen Zwängen befreit und einen riesigen kreativen Schub verursacht, der vor allem darin liegt, dass heute so viele Musiker Zugang zum Musikmarkt haben wie nie zuvor. Das hat nicht unbedingt zu besserer Musik geführt, aber heute liegt die Punk Attitude eben nicht in ein paar Gitarrenakkorden sondern vielleicht im Wobble Bass des Dubstep oder dem nächsten heißen Scheiß. Das Studio als Instrument und kreativer Raum für Musiker ist eine “Kulturtechnik”, die auch in Zukunft relevant sein und sich mit der rechnerbasierten Produktion ergänzen wird. Heute ist für die meisten Musiker selbstverständlich, sich das beste aus beiden Welten zu nehmen, wofür beispielhaft Trent Reznor in der Doku steht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Menge junger Kids in Dave Grohl ein Vorbild sehen und ihm nacheifern werden wollen in seinem Feldzug für die gute alte Analogtechnik – so wie Dave Grohl von seinem Idol Paul McCartney inspiriert war, den er zu den Neve-Sessions als weiteren britischen Import in sein Studio einlud und der in seinem fortgeschrittenen Alter den Jungs um die Foo Fighters so richtig einheizte…

Foto von der Sound City Movie Webpage.

Homeland, und alle so: yeah!

Nun läuft also die gefeierte US-Serie Homeland endlich im deutschen Fernsehen an (ausgerechnet auf SAT1, und wie üblich mit den stereotypen Synchronstimmen verdeutscht) und das Feuilleton ist ganz aus dem Häuschen. Zurecht, denn vor allem die erste Staffel von Homeland ist so spannend, dass sie zu dem verführt, was in Amerika gerne binge viewing genannt wird (die schöne Low-Budget-Serie Portlandia übrigens kennt sich damit aus…). Das nächste Level von binge viewing ist erreicht, wenn es sich bei einer Serie eigentlich um eine Adaption handelt und man meint, die Originalversion sehen zu müssen, um möglicherweise noch einmal in einen ähnlich rauschartigen Sog gezogen zu werden. Im Falle von Homeland basiert das amerikanische Remake auf dem Plot der israelischen Serie Hatufim (Prisoners of War). Die erste Staffel von Hatufim wird ab April auf Arte ausgestrahlt, so dass sich fast im Anschluss an der Ausstrahlung von Homeland beide Serien miteinander vergleichen lassen. Leider ist das die falsche Reihenfolge, denn die amerikanischen Bilder werden sich so ins Gedächtnis einbrennen, dass man Hatufim immer nur mit dieser Referenz vor dem inneren Auge sehen wird und alles irgendwie schmächtig und wenig glamourös wirken muss.

Der Vergleich beider Serien ist indes ungerecht: allein der Pilotfilm von Homeland kostete soviel wie beide Staffeln von Hatufim. Die israelische TV-Produktionslandschaft mag sich zur amerikanischen wie ein Drittligaverein zum FC Barcelona verhalten, trotzdem werden immer mehr israelische Stoffe für das US-Fernsehen adaptiert, wie zuletzt das fast identisch übernommene “In Treatment”. Gideon Raff, der Erfinder und Regisseur aller Episoden von Hatufim, konnte die amerikanischen Produzenten um Howard Gordon und Alex Gansa (verantwortlich für das revisionistische “24″) alleine mit seinem Skript für die erste Folge und keinem Meter gedrehten Film von seiner Plot-Idee überzeugen, worauf er auch als Autor und Producer für Homeland engagiert wurde.

Wo liegen die Unterschiede? Homeland hat einen extrem guten Cast mit zwei brillanten Hauptdarstellern, das wurde schon zur Genüge im Feuilleton besprochen und da kann Hatufim verständlicherweise kaum mithalten. Für mich liegt ein entscheidender Unterschied in der Figurenkonstellation. In Hatufim werden drei Familien gezeigt, die mit der Rück- oder Nichtrückkehr eines Kriegsgefangenen nach 17 Jahren Trennung umgehen müssen. Die beiden Überlebenden Nimrod und Uri stehen dabei im Mittelpunkt, aber auch das Schicksal der Schwester des vermeintlich ermordeten Kriegsgefangenen Amiel wird ausgebreitet, die ihren Bruder immer wieder an ihrer Seite sieht. Dadurch werden drei Linien gezogen, die in etwa gleichberechtigt nebeneinander durch die Geschichte führen und von einem ähnlichen Konflikt getrieben werden: der Schwierigkeit, sich nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in die Gesellschaft und die Familie zu reintegrieren. In Homeland dagegen konzentriert sich trotz vieler interessanter Nebencharaktere alles auf die Beziehung zwischen der CIA-Agentin Carrie Mathison und dem von al-Qaida “umgedrehten” Kriegsgefangenen Brody. Beide Figuren sind von einem extremen inneren Konflikt zerrissen und darin sich seelisch verwandt, obwohl sie zuerst als Gegner agieren. Wie diese beiden Charaktere durch seelische Verletzungen und politische Intrigen in ein Selbstmordattentat und in die Psychiatrie getrieben werden, ist atemberaubend und hat homerische Qualitäten (die FAZ weist auf dieses Leitmotiv hin: in den Namen von Brody und Mathison verstecken sich die von Odysseus und Athene).

Die ersten drei Folgen waren eine kleine Strapaze für mein politisch-korrektes Über-Ich: die arabische Welt wird ausschließlich in einem Freund-Feind-Schema dargestellt, an jeder Ecke lauert die Paranoia vor dem Islam. Dann setzt innerhalb der nächsten vier Folgen das erzählerische Geniestück ein, diese emotionale Grundatmosphäre komplett zu drehen, um in Folge 7 durch die tödlichen Auswirkungen eines Drohnenangriffs ganz auf der Seite des “Gegners” zu sein. Der Zuschauer wird – genauso wie Brody – emotional umgedreht. Die Konvertierung Brodys zum Islam ist nicht die einer Gehirnwäsche, sondern ein Akt des Überlebens in totaler Einsamkeit. Man fiebert sogar mit, wenn Brody den Finger am Auslöser seiner Sprengstoffweste hat, um den korrupten Vizepräsidentschaftskandidaten und sein Team in die Luft zu jagen. Bemerkenswert bis provokant muss für ein amerikanisches Publikum sein, dass die drei Hauptcharaktere fließend Arabisch sprechen und der baldige Kongress-Kandidat Brody zu Allah betet.

Hatufim wirkt im Vergleich zu der dramatischen Zuspitzung in Homeland etwas breit und autorenfilmmäßig. Das müsste nicht schlecht sein, wenn man Hatufim nicht anmerken würde, dass es eine geheime Sehnsucht nach dem großen Hollywood-Moment hat. Die Filmmusik emotionalisiert fast jeden Dialog, als ob man seinen eigenen Schauspielern nicht traut, und einzelne Schlussmontagen werden mit israelischen Popsongs in der Manier amerikanischer Arzt-Serien untermalt. Homeland verzichtet nicht auf illustrative Musik wie zum Beispiel The Wire, auch ist Homeland kein filmisches Ästhetik-Seminar. Homeland ist fast schon konventionell im Vergleich zu Serien wie Lost oder True Blood, deren Handlungsstränge und ausufernden Figurenkonstellationen sich labyrinthisch verzweigen, bis irgendwann niemand mehr durchblickt. In Homeland wird in beiden Staffeln immer wieder eine angenehme Komplexitätsreduktion durchgeführt in der Art einer vorläufigen Klimax, wodurch die Handlungsoptionen der Protagonisten zurückgesetzt werden. Der Fokus bleibt auf den inneren Konflikten von Carrie und Brody, in denen sich die politischen Widersprüche des War on Terror spiegeln. Gideon Raff sagte in einem Interview mit der Welt:

Wenn wir beweisen können, dass Waterboarding nicht hilft im Kampf gegen den Terror, dann lasst uns darauf verzichten. Aber was machen wir, wenn es hilft? Über diese Fragen sollten wir reden. Leute, die sagen, sie würden lieber sterben, als ihre Werte zu verraten, leben meistens nicht in existenzieller Angst.

Das spielt vermutlich auf den ehemaligen CIA-Chef und heutigen US-Verteidigungsminister Leon Panetta an, unter dem Drohnenangriffe in Pakistan intensiviert wurden  und der behauptete, dass das umstrittene Waterboarding und “enhanced interrogation techniques” zur Tötung Osama Bin Ladens beigetragen hätten. Homeland stellt zwar Verhörmethoden wie die akustische Folter in einen kritischen Kontext, aber am Ende der zweiten Staffel erscheinen die “erweiterten Verhörmethoden” der CIA durch einen Terroranschlag auf amerikanischen Boden als gerechtfertigt. Bei aller erzählerischen Brillanz und inhaltlichen Ambivalenz hinterlässt das einen faden Geschmack.

Vielleicht ist es ein falsches Dilemma, das Gideon Raff in seiner Interviewäußerung entwirft: für die USA gibt es nicht die Wahl zwischen Waterboarding (= seine Werte verraten) und dem Tod (= den Kampf gegen den Terror verlieren), denn die USA führen diesen Krieg gegen den Terror auf fremden Terrain und sehr oft mit konkreten machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen verknüpft, das ist keine Frage des eigenen Überlebens. Zweifelhaft ist auch das entworfene Bild vom Islam, dessen radikale Kräfte eine Unterwerfung des Westens anstreben, und sei es in 200 Jahren. Als ob ein “moralisch integrer” Westen nicht langfristig ein attraktiveres Gesellschaftsbild wären als ein religiöser Dogmatismus. Aber vielleicht lebe ich auch einfach nicht unter dieser existentiellen Angst einer permanenten islamischen Bedrohung, warum sich mir bei der Rechtfertigung von Foltermethoden der Magen umdreht. Hatufim ist in einem Punkt aufrichtiger und authentischer: für die israelische Gesellschaft stellt der Terror eine tatsächliche existentielle Gefahr dar, bei allen Schwierigkeiten, die man mit der israelischen Siedlungspolitik haben kann. In Israel ist die IDF (die israelische “Bundeswehr”) sehr tief in den Alltag integriert und verlangt den Bürgern, Männer und Frauen, weitaus mehr ab als die meisten Armeen der Welt. Unter den etwa 8 Millionen Israelis soll es rund 1500 ehemalige Kriegsgefangene geben, eine sehr hohe Zahl, was davon zeugt, dass die Probleme der späteren Integration der Soldaten nicht nur ein Randphänomen sind. Hatufim legt davon Zeugnis ab – lange nicht so irrwitzig, spannend und zugespitzt wie die attraktivere amerikanische Ausführung, aber in seiner Haltung ehrlicher und näher an der Realität, die beschrieben wird.

Bonus: da ich ein Faible für das israelische Kino habe, hier meine Best-Of-Liste an israelischen Filmen, die sich differenziert mit dem Nahost-Konflikt und den Spannungen zwischen Palästinensern und Israelis auseinandersetzen:

Paradise Now

Ajami

Beaufort

Lemon Tree

Checkpoint (absolut sehenswerter Dokumentarfilm über den Alltag an den Grenzübergängen, der inzwischen komplett auf Youtube zu sehen ist)

The Bubble

Die syrische Braut

und natürlich: Waltz with Bashir

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