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2007 produzierte Adam Curtis für die BBC die dreiteilige Dokumentations-Reihe “The Trap“, deren erster Teil “F**k You Buddie” den Einfluss der sogenannten Spieltheorie auf die Entstehung des modernen kapitalistischen Menschenbildes beschreibt, wonach das egoistische Vorteilsstreben des Einzelnen gesamtgesellschaftlich zu mehr Wohlstand führen soll. Es ist von John Forbes Nash die Rede, dessen paranoides Misstrauen gegenüber anderen Menschen zur Entwicklung der spieltheoretischen Grundlagen beitrug, und der in der RAND Corporation seine Ideen in den Dienst der Strategien des Kalten Kriegs stellte (Nashs Leben wurde in “A Beautiful Mind” verfilmt). Es wird der Einfluss Friedrich Hayeks auf das aktuelle neoliberale Weltbild beschrieben, das staatliche Eingriffe und Regulierungen ablehnt und die Gesellschaft in einem durch natürlichen Egoismus erzeugten Gleichgewicht sieht. Liest man die Synopsis von “F**k You Buddie” oder schaut sich die Dokumentation von Adam Curtis an, so drängen sich erstaunliche Parallelen zu den Argumenten auf, die Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch “Ego: Das Spiel des Lebens” anführt.

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Ich habe das Buch nicht gelesen – es erscheint erst morgen -, aber es verspricht, einige wichtige Gedanken anzustoßen. Im Kern geht es um eine mathematisch modellierte Gesellschaft, in der sich die Macht von demokratisch legitimierten Regierungen in Richtung eines Informationskapitalismus verschiebt, der ideologisch in den egoistischen Spieltheorien des Kalten Krieges verwurzelt ist. Paradigmatisch hierfür steht der algorithmische Hochgeschwindigkeitshandel des Finanzmarkts, für dessen volkswirtschaftliche Schäden die Steuerzahler aufkommen müssen.

Zu hoffen ist, dass Schirrmachers Buch nicht ähnlich verschwörungstheoretisch daher kommt wie die Dokumentationen von Adam Curtis. Curtis’ hoch-suggestiver Montagestil aus BBC-Archivmaterial vermag zwar so einige Konspirations-Schauer zu erzeugen, auch erscheint der Argumente-Remix aus vordergründig entfernten Disziplinen auf den ersten Blick inspirierend. Aber bei genauerer Betrachtung wirken viele Zusammenhänge konstruiert und lückenhaft. Die aktuelle Dokumentations-Reihe von Adam Curtis aus dem Jahr 2011 macht das besonders deutlich: “All Watched Over By Machines Of Loving Grace“. Der Themenmix der ersten Folge könnte eine direkte Inspiration für Frank Schirrmacher sein: der mitleidlose “rationale Objektivismus” der Schriftstellerin Ayan Rand, die Rolle ihres Anhängers Alan Greenspan während der Finanzkrisen der letzten zwei Jahrzehnte, die Lewinsky-Affäre von Bill Clinton und die Califonian Ideology des Silikon Valley werden zu einem wackeligen Ursache-Wirkung-Zusammenhang verwoben.
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So steil die Thesen von Adam Curtis auch sind, so liefern sie doch attraktives Gedanken- und Augenfutter. “All Watched Over By Machines Of Loving Grace” verdanke ich zum Beispiel ein Zitat von Carmen Hermosillo aus dem Jahr 1994, die unter dem Pseudonym Humdog in Chatrooms und Internetforen postete und mit dem Text “pandora’s vox: on community in cyberspace die damals einsetzende Kommerzialisierung der Online-Kommunikation anprangerte. Ihre Beschreibung des “Zur-Ware-Werdens” persönlicher Daten und der Entstehung neuer Hierarchien durch die Informationsansammlung in den Händen weniger monopolistischer IT-Unternehmen liest sich heute so aktuell wie vor 19 Jahren und fügt sich sicherlich nahtlos in Frank Schirrmachers aktuelles Buch:

i have seen many people spill their guts on-line, and i did so myself until, at last, i began to see that i had commodified myself. commodification means that you turn something into a product which has a money-value. i created my interior thoughts as a means of production for the corporation that owned the board i was posting to, and that commodity was being sold to other commodity/consumer entities as entertainment. that means that i sold my soul like a tennis shoe and i derived no profit from the sale of my soul.

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Dies ist die Geschichte eines Mischpults und der Musik, die durch dieses Mischpult auf eine besondere Weise zum Klingen gebracht wurde. Es ist die Geschichte von verschwitztem Rock’n’Roll und einer Ära, in der Tonstudios noch eine Aura des Heiligen hatten aufgrund der legendären Platten, die in ihnen aufgenommen wurden. Zu Beginn der 70er Jahre kauften die Betreiber des Sound City Studios in LA für 74000 US$, damals ausreichend für einen Häuserkauf, eine der weltweit an einer Hand abzählbaren Neve 8078 Konsolen des britischen Audio-Gurus Rupert Neve. In Kombination mit dem für fette Drumsounds prädestinierten Aufnahmeraum entwickelte sich Sound City zu einem der gefragtesten Musikstudios in Amerika, von Neil Young, Fleetwood Mac, Tom Petty and the Heartbreakers, Foreigner, Rick Springfield bis Barry Manilow kamen alle, um in den miefigen und chaotisch geführten Studioräumen an ihren Platten zu arbeiten, Sessions zu spielen und auch einmal “in die Ecke zu pinkeln”. Sound City stand für einen ehrlichen, unverfälschten und warmen Sound, der in den 70er Jahren auf der Höhe der Zeit war. Als sich in den 80er Jahren die Sound-Ästhetik der Pop- und Rockmusik änderte - digitale Technologie trat in den Studioalltag, Drum Machines und Sequenzer ersetzen Studiomusiker und das Spielen zu einem Clicktrack wurde zur Gewohnheit – geriet Sound City in finanzielle Schieflage, die Aufträge blieben aus, da viele der Top-Produzenten in modernere Studios abwanderten.

Anfang der 90er Jahre stand Sound City vor dem Bankrott. Die Studiomiete war so günstig wie nie, als eine damals noch unbekannte Band namens Nirvana von ihrem Label in die Sound City Studios geschickt wurde, um ihr zweites Album “Nevermind” aufzunehmen. Der Rest ist Rock-Geschichte. Dave Grohl, damals als Drummer gerade neu zu Nirvana hinzugestoßen, ist heute der Überzeugung, dass Nirvana ohne das Aufnahme-Studio Sound City nie zu ihrem Grunge-Stardom gelangt wären. Als das legendäre Studio 2011 tatsächlich Pleite ging, war er es, der das Neve-Mischpult kaufte und in das Studio der Foo Fighters schaffte. Durch ein paar Videoaufnahmen über den Transport animiert entstand die Idee, eine abendfüllende Dokumentation über das Mischpult und das Studio zu drehen. Yes: Dave Grohl hat seine erste Regiearbeit abgeliefert und dieses Jahr beim Sundance Film Festival vorgestellt. Seit Anfang Februar ist der Film “Sound City” online erhältlich.

Was kann man über Dave Grohl als Filmemacher sagen? Aus dem Blickwinkel eines Cineasten oder anspruchsvollen Dokumentarfilmers ist der Film purer Trash: Dave Grohl agiert zuerst als Interviewer, der viele der legendären Musiker, Produzenten und Techniker um das Sound City Studio befragt und in MTV-Manier zu einem bunten Bilderbogen montiert. Er ist so geflasht von seinem Thema, dass er alles in seinen Film packen will: die technischen Details der Analog-Technik, die musikgeschichtlichen Highlights der Sound City Produktionen, die persönlichen Schicksale der Studio-Angestellten, ja selbst der Kampfhund von Rick Springfield bekommt seinen Eintrag ins Poesiealbum. Nach 70 Minuten endet der historische Teil der Doku und eine andere Doku beginnt, in der Dave Grohl selber zum Mittelpunkt wird: er hat im letzten Jahr mit Mitgliedern seiner Bands Nirvana, Foo Fighters und Queens of the Stone Age mehrere der Sound City Legenden zu Sessions in sein Studio geladen, um dem Neve-Mischpult zu Ehren ein Album aufzunehmen. Der Film ist wie eine großartige Rockband ohne Produzenten als Korrektiv: sprunghaft, grob, anmaßend. Aber genau das ist vielleicht das reizvolle und sympathische an der Dokumentation: sie atmet in ihrer Vermittlung eben jenen Geist des Rock’n’Roll, den sie zum Thema hat. Und für alle Gear Slutz unter meinen Freunden ist der Film eine absolutes Muss: kaum eine Rock-Doku hat der technologischen Seite der Musik so einen hohen Stellenwert eingeräumt. Und wenn das alle Technik-Phobiker abschreckt: es gibt genügend Gänsehautmomente, wenn man mit der Grunge-Musik der 90er Jahre aufgewachsen ist und einem Bands wie Rage Against The Machine, The Pixies, Trent Reznor von Nine Inch Nails oder auch der Produzent Rick Rubin nicht vollständig egal sind.

Das Studio stand in den 90er Jahren für eine Rückbesinnung auf den ehrlichen, handwerklichen Begriff vom Musikmachen – “24 Track Mentality”, wie James Brown (der Produzent, nicht Musiker) es nennt: die kleinen Fehler und Ungenauigkeiten, die entstehen, wenn ein paar Musiker gemeinsam spielen, die 24-Spur-Bänder, die sich nur sehr mühsam im Vergleich zur digitalen Technologie editieren lassen und die Musiker dazu zwingen, Stücke in einem Take aufs Band zu bringen. “ You commit to what it is. With Pro Tools you are not forced to make decision, you don’t have to commit.” Entlang des Analog-Digital-Schismas wirken viele der Rockgrößen wie Öko-Fundies, die ihre biologisch-dynamische Landwirtschaft verteidigen. Aber neben allem wertkonservativen Analog-Fetischismus stellt Dave Grohl auch wichtige Fragen nach den sozialen Aspekten der Rockmusik, die im Zeitalter des digitalen Laptop-Studios verloren zu gehen scheinen. Mick Fleetwood sagt in der Doku: “I think the downside these days is thinking: I can do this all on my own. Yes, you can do this on your own. But you will be a much happier human being, when you do it together with other human beings. And I can garantee you that.” Bei aller Nostalgie steckt ein Wahrheitskern in solchen Aussagen: zu viel Musik wird reißbrettartig am Bildschirm entwickelt und erst danach von Musikern eingespielt, wenn überhaupt. Das Produzieren von Musik über Kontinente hinweg ist Segen und Fluch zugleich: Musiker spielen gemeinsam Songs ein, ohne sich jemals gesehen zu haben, was großartige Möglichkeiten eröffnet. Aber gleichzeitig wird das Spontane und Unwiederholbare einer Live-Session immer häufiger durch enge Produktionsetats unmöglich gemacht. Der Größenwahn des goldenen Studiozeitalters ist definitiv vorbei. Die digitale Revolution hat aber nicht nur die Produktion sondern auch die Distribution der Musik grundlegend verändert. Auf diesen zweiten Aspekt kommt Dave Grohl in seiner Doku gar nicht erst zu sprechen, denn bei dem Thema kann man sich leicht die Finger verbrennen. Die digitale Distribution von Musik hat zu einem enormen Wertverlust von Musikaufnahmen geführt, “recorded music is dead”, heißt es, oder zumindest befindet sich der Preis für aufgenommene Musik in einem “race to the bottom” und jedes Label wird sich genau überlegen, wieviel Geld es in Studioaufnahmen stecken will. Auch das ist ein wesentlicher Grund für das große “Studiosterben” im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre.

Muss man deswegen über die Digitalisierung lamentieren und der Meinung sein, dass früher alles besser war? Dave Grohl gibt zu Beginn seiner Doku selbst eine Antwort darauf: “When you are young you are not afraid of what comes next, you are excited by.” Digitale Technologien haben das Musikschaffen von vielen wirtschaftlichen Zwängen befreit und einen riesigen kreativen Schub verursacht, der vor allem darin liegt, dass heute so viele Musiker Zugang zum Musikmarkt haben wie nie zuvor. Das hat nicht unbedingt zu besserer Musik geführt, aber heute liegt die Punk Attitude eben nicht in ein paar Gitarrenakkorden sondern vielleicht im Wobble Bass des Dubstep oder dem nächsten heißen Scheiß. Das Studio als Instrument und kreativer Raum für Musiker ist eine “Kulturtechnik”, die auch in Zukunft relevant sein und sich mit der rechnerbasierten Produktion ergänzen wird. Heute ist für die meisten Musiker selbstverständlich, sich das beste aus beiden Welten zu nehmen, wofür beispielhaft Trent Reznor in der Doku steht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Menge junger Kids in Dave Grohl ein Vorbild sehen und ihm nacheifern werden wollen in seinem Feldzug für die gute alte Analogtechnik – so wie Dave Grohl von seinem Idol Paul McCartney inspiriert war, den er zu den Neve-Sessions als weiteren britischen Import in sein Studio einlud und der in seinem fortgeschrittenen Alter den Jungs um die Foo Fighters so richtig einheizte…

Foto von der Sound City Movie Webpage.

Homeland, und alle so: yeah!

Nun läuft also die gefeierte US-Serie Homeland endlich im deutschen Fernsehen an (ausgerechnet auf SAT1, und wie üblich mit den stereotypen Synchronstimmen verdeutscht) und das Feuilleton ist ganz aus dem Häuschen. Zurecht, denn vor allem die erste Staffel von Homeland ist so spannend, dass sie zu dem verführt, was in Amerika gerne binge viewing genannt wird (die schöne Low-Budget-Serie Portlandia übrigens kennt sich damit aus…). Das nächste Level von binge viewing ist erreicht, wenn es sich bei einer Serie eigentlich um eine Adaption handelt und man meint, die Originalversion sehen zu müssen, um möglicherweise noch einmal in einen ähnlich rauschartigen Sog gezogen zu werden. Im Falle von Homeland basiert das amerikanische Remake auf dem Plot der israelischen Serie Hatufim (Prisoners of War). Die erste Staffel von Hatufim wird ab April auf Arte ausgestrahlt, so dass sich fast im Anschluss an der Ausstrahlung von Homeland beide Serien miteinander vergleichen lassen. Leider ist das die falsche Reihenfolge, denn die amerikanischen Bilder werden sich so ins Gedächtnis einbrennen, dass man Hatufim immer nur mit dieser Referenz vor dem inneren Auge sehen wird und alles irgendwie schmächtig und wenig glamourös wirken muss.

Der Vergleich beider Serien ist indes ungerecht: allein der Pilotfilm von Homeland kostete soviel wie beide Staffeln von Hatufim. Die israelische TV-Produktionslandschaft mag sich zur amerikanischen wie ein Drittligaverein zum FC Barcelona verhalten, trotzdem werden immer mehr israelische Stoffe für das US-Fernsehen adaptiert, wie zuletzt das fast identisch übernommene “In Treatment”. Gideon Raff, der Erfinder und Regisseur aller Episoden von Hatufim, konnte die amerikanischen Produzenten um Howard Gordon und Alex Gansa (verantwortlich für das revisionistische “24″) alleine mit seinem Skript für die erste Folge und keinem Meter gedrehten Film von seiner Plot-Idee überzeugen, worauf er auch als Autor und Producer für Homeland engagiert wurde.

Wo liegen die Unterschiede? Homeland hat einen extrem guten Cast mit zwei brillanten Hauptdarstellern, das wurde schon zur Genüge im Feuilleton besprochen und da kann Hatufim verständlicherweise kaum mithalten. Für mich liegt ein entscheidender Unterschied in der Figurenkonstellation. In Hatufim werden drei Familien gezeigt, die mit der Rück- oder Nichtrückkehr eines Kriegsgefangenen nach 17 Jahren Trennung umgehen müssen. Die beiden Überlebenden Nimrod und Uri stehen dabei im Mittelpunkt, aber auch das Schicksal der Schwester des vermeintlich ermordeten Kriegsgefangenen Amiel wird ausgebreitet, die ihren Bruder immer wieder an ihrer Seite sieht. Dadurch werden drei Linien gezogen, die in etwa gleichberechtigt nebeneinander durch die Geschichte führen und von einem ähnlichen Konflikt getrieben werden: der Schwierigkeit, sich nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in die Gesellschaft und die Familie zu reintegrieren. In Homeland dagegen konzentriert sich trotz vieler interessanter Nebencharaktere alles auf die Beziehung zwischen der CIA-Agentin Carrie Mathison und dem von al-Qaida “umgedrehten” Kriegsgefangenen Brody. Beide Figuren sind von einem extremen inneren Konflikt zerrissen und darin sich seelisch verwandt, obwohl sie zuerst als Gegner agieren. Wie diese beiden Charaktere durch seelische Verletzungen und politische Intrigen in ein Selbstmordattentat und in die Psychiatrie getrieben werden, ist atemberaubend und hat homerische Qualitäten (die FAZ weist auf dieses Leitmotiv hin: in den Namen von Brody und Mathison verstecken sich die von Odysseus und Athene).

Die ersten drei Folgen waren eine kleine Strapaze für mein politisch-korrektes Über-Ich: die arabische Welt wird ausschließlich in einem Freund-Feind-Schema dargestellt, an jeder Ecke lauert die Paranoia vor dem Islam. Dann setzt innerhalb der nächsten vier Folgen das erzählerische Geniestück ein, diese emotionale Grundatmosphäre komplett zu drehen, um in Folge 7 durch die tödlichen Auswirkungen eines Drohnenangriffs ganz auf der Seite des “Gegners” zu sein. Der Zuschauer wird – genauso wie Brody – emotional umgedreht. Die Konvertierung Brodys zum Islam ist nicht die einer Gehirnwäsche, sondern ein Akt des Überlebens in totaler Einsamkeit. Man fiebert sogar mit, wenn Brody den Finger am Auslöser seiner Sprengstoffweste hat, um den korrupten Vizepräsidentschaftskandidaten und sein Team in die Luft zu jagen. Bemerkenswert bis provokant muss für ein amerikanisches Publikum sein, dass die drei Hauptcharaktere fließend Arabisch sprechen und der baldige Kongress-Kandidat Brody zu Allah betet.

Hatufim wirkt im Vergleich zu der dramatischen Zuspitzung in Homeland etwas breit und autorenfilmmäßig. Das müsste nicht schlecht sein, wenn man Hatufim nicht anmerken würde, dass es eine geheime Sehnsucht nach dem großen Hollywood-Moment hat. Die Filmmusik emotionalisiert fast jeden Dialog, als ob man seinen eigenen Schauspielern nicht traut, und einzelne Schlussmontagen werden mit israelischen Popsongs in der Manier amerikanischer Arzt-Serien untermalt. Homeland verzichtet nicht auf illustrative Musik wie zum Beispiel The Wire, auch ist Homeland kein filmisches Ästhetik-Seminar. Homeland ist fast schon konventionell im Vergleich zu Serien wie Lost oder True Blood, deren Handlungsstränge und ausufernden Figurenkonstellationen sich labyrinthisch verzweigen, bis irgendwann niemand mehr durchblickt. In Homeland wird in beiden Staffeln immer wieder eine angenehme Komplexitätsreduktion durchgeführt in der Art einer vorläufigen Klimax, wodurch die Handlungsoptionen der Protagonisten zurückgesetzt werden. Der Fokus bleibt auf den inneren Konflikten von Carrie und Brody, in denen sich die politischen Widersprüche des War on Terror spiegeln. Gideon Raff sagte in einem Interview mit der Welt:

Wenn wir beweisen können, dass Waterboarding nicht hilft im Kampf gegen den Terror, dann lasst uns darauf verzichten. Aber was machen wir, wenn es hilft? Über diese Fragen sollten wir reden. Leute, die sagen, sie würden lieber sterben, als ihre Werte zu verraten, leben meistens nicht in existenzieller Angst.

Das spielt vermutlich auf den ehemaligen CIA-Chef und heutigen US-Verteidigungsminister Leon Panetta an, unter dem Drohnenangriffe in Pakistan intensiviert wurden  und der behauptete, dass das umstrittene Waterboarding und “enhanced interrogation techniques” zur Tötung Osama Bin Ladens beigetragen hätten. Homeland stellt zwar Verhörmethoden wie die akustische Folter in einen kritischen Kontext, aber am Ende der zweiten Staffel erscheinen die “erweiterten Verhörmethoden” der CIA durch einen Terroranschlag auf amerikanischen Boden als gerechtfertigt. Bei aller erzählerischen Brillanz und inhaltlichen Ambivalenz hinterlässt das einen faden Geschmack.

Vielleicht ist es ein falsches Dilemma, das Gideon Raff in seiner Interviewäußerung entwirft: für die USA gibt es nicht die Wahl zwischen Waterboarding (= seine Werte verraten) und dem Tod (= den Kampf gegen den Terror verlieren), denn die USA führen diesen Krieg gegen den Terror auf fremden Terrain und sehr oft mit konkreten machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen verknüpft, das ist keine Frage des eigenen Überlebens. Zweifelhaft ist auch das entworfene Bild vom Islam, dessen radikale Kräfte eine Unterwerfung des Westens anstreben, und sei es in 200 Jahren. Als ob ein “moralisch integrer” Westen nicht langfristig ein attraktiveres Gesellschaftsbild wären als ein religiöser Dogmatismus. Aber vielleicht lebe ich auch einfach nicht unter dieser existentiellen Angst einer permanenten islamischen Bedrohung, warum sich mir bei der Rechtfertigung von Foltermethoden der Magen umdreht. Hatufim ist in einem Punkt aufrichtiger und authentischer: für die israelische Gesellschaft stellt der Terror eine tatsächliche existentielle Gefahr dar, bei allen Schwierigkeiten, die man mit der israelischen Siedlungspolitik haben kann. In Israel ist die IDF (die israelische “Bundeswehr”) sehr tief in den Alltag integriert und verlangt den Bürgern, Männer und Frauen, weitaus mehr ab als die meisten Armeen der Welt. Unter den etwa 8 Millionen Israelis soll es rund 1500 ehemalige Kriegsgefangene geben, eine sehr hohe Zahl, was davon zeugt, dass die Probleme der späteren Integration der Soldaten nicht nur ein Randphänomen sind. Hatufim legt davon Zeugnis ab – lange nicht so irrwitzig, spannend und zugespitzt wie die attraktivere amerikanische Ausführung, aber in seiner Haltung ehrlicher und näher an der Realität, die beschrieben wird.

Bonus: da ich ein Faible für das israelische Kino habe, hier meine Best-Of-Liste an israelischen Filmen, die sich differenziert mit dem Nahost-Konflikt und den Spannungen zwischen Palästinensern und Israelis auseinandersetzen:

Paradise Now

Ajami

Beaufort

Lemon Tree

Checkpoint (absolut sehenswerter Dokumentarfilm über den Alltag an den Grenzübergängen, der inzwischen komplett auf Youtube zu sehen ist)

The Bubble

Die syrische Braut

und natürlich: Waltz with Bashir

2011-04-22 22.18.47

Baby break is over – time to revive my blog. What you can expect: some German blog posts in the near future. But no worries: I will still post the occasional english ramblings here and share field recordings. The thing is: writing in English is exhausting and time-comsuming, and it is hard to reach a level of reflection I’m happy with outside of my own linguistic homeland. And after I spend most of last years time following the debate in Germany revolving around copyright and transformative works for a feature I finished some months ago, I feel urged to put my 2 cents in German language in from time to time. So from now on, this will be a bi-lingual blog, as are my tweets and Facebook updates. If you follow silent listening through a feed reader: you can always visit this site directly and check the menus above to filter English and German content – personal news, field recordings, reflections and acoustic flotsam are as always English entries, “deutsch” stands for all the German stuff I will post and “lately / neulich” is a chronological news feed with all posts.

What has happened over the last year? Watching my little boy growing. Writing music for two radio plays. But mainly I was reading and thinking about the German copyright debate. Because the subject is so complex and it is very hard to cover all aspects of the debate without loosing substance, I focussed on one particular field of interest, namely musical mashups and remixes. Thinking about those so called transformative works, one easily arrives at questions about the origin of ideas, authorship and whether there are still any new ideas in the music world at all. Other tricky questions are touched as well: what does the digital revolution do to media, what is the role of extremely monopolistic global players like Google, Apple, Facebook and Amazon, how is the cultural landscape shaped and changed through digitization? All this musing and reflecting led to the radio feature “Pasted! Wir sind die Zukunft der Musik” which was premiered in October 2012 on German public service broadcaster Deutschlandradio Kultur. But the work on this subject didn’t end there: I’m preparing an interactive web player for the radio feature with a lot of additional content. The website will be launched in March on a congress about the future of radio. Also upcoming are some unorthodox thoughts on the future of the “Hörspiel” (the German radio play) in the new online media landscape. Maybe it will progress into some sort of manifesto, we will see. All this will be in German and you will be learning about it here first. Also on the horizon: a new release on the netlabel Galaverna. Some of my older pieces will be digitally available through some familiar channels. And other things… Stay tuned. English and German.

Yosemite’s Frozen Lakes

For all interested in ice sounds: check the blog “music from the ice” by composer Cheryl E Leonard. She recorded some beautiful sounds from frozen lakes in Yosemite National Park and used very similar equipment to my hydrophone recordings of ice sheets. Cheryl also invents astonishing instruments and travelled to Palmer Station in Antarctica, the field recordings of this trip were released on a CD called “Chattermarks“.

Good Reasons…

I have been silent for some time, but for a good reason: I became a father last year and I spent most of the last months with my newborn son. What a wonderful experience! And how irrelevant the digital world turns…

But there is another good reason, which has to do with a project I’m contemplating for more than a year now. It has to do with the future of music in a digital world, with copyright problems, the sources of innovation and creation and with musical algorithms. It will eventually cumulate on a German web platform and condense in a radio feature. I can’t say so much about the project in the moment but you might get an idea when you find time watching the documentary below which I stumbled upon recently. Think of all the questions left open at the end of this beautiful film, that is where I intend to start off. There is a tremendous amount of work to do, so don’t expect too many posts here over the next half year, but I might drop in with some updates from time to time. The documentary is called “Press Pause Play” and was produced by House of Radon:

(picture taken by Andrea Gjestvang in Greenland)

This week in Berlins Haus der Kulturen der Welt, the Festival “Über Lebenskunst” takes place with a performance night called “Walden” tomorrow evening, 19th August. I was invited to put a collection of sound art and field recording pieces together for the lounge area of the Festival in the Theater Saal. BJ Nilsen will play a live set, the film “Sound Aspects of Material Elements” by John Grzenich will be shown along with photographic and filmic works by Andrea Gjestvang, Iveta Vaivode and Arne Maavik. Our programme is called “Landscapes and Soundscapes from Gardens of Mindspace” and starts around 21:30 with my piece “Frost Pattern” played in 5.1 surround. From the programme notes:

As if to set against the drop in biodiversity, there is a new tendency of revivalism in contemporary art aiming to maintain and update the variety of traditional genres once flourishing around the academic landscape painting. Whether pastoral or georgic, heroic or picturesque, in the context of the current environmental issues the classical landscape genres are regaining their political notion. Reshaped from purely aesthetic categories into practical tools of social activism and politically motivated contemplation, these genres provide their rich art-historical legacy to remind that landscapes are cultural concepts before they are nature. Contemporary art explores landscape as a construct of imagination projected onto wood, water and rock. It is an introspective sightseeing in the social mindspace, where attention is paid not only to the picturesque, but also to conceptual landslides and ideological floods, since the real world ecological crises are firstly due to destructive habits of thought – they are a by‑product of culture.

“Landscapes and Soundscapes from Gardens of Mindspace” is a programme put together of art-works exploring landscape aesthetics in relevance to wider environmental awareness. Built up as an all night long nature trail through pastoral sceneries and ambient soundscapes, the programme for the lounge area of “Walden Night” festival consists of video‑art screenings and slide-shows, a live performance by sound and recording artist BJ Nilsen, and Andreas Bick’s retrospective overview on sound‑art experiments based on field‑recording materials by artists like Jacob Kirkegaard, Francisco Lopez, Eric La Casa, Yannick Dauby, Chris Watson and others.

Tweets about Sound

(Picture taken in Kenya’s Maasai Mara, somewhere in the wilderness…)

I don’t really know what to do with Twitter. I mean, tweeting about personal trivialities is boring and the 140 characters of a tweet only leave space for a less-than-complex form of communication. But sometimes less-than-complex can be good: reading a short punch line that sticks in mind, social or political commentary that reduces complicated issues to an invocing sentence without simplifying matters. Anyhow, I decided to use Twitter as a kind of container or scrapbook for citations concerning sound, listening, noise and silence I find in books, films or articles. It’s not about collecting the best sound quotes that everybody already knows, it’s more like a personal anthology of findings while being exposed to media, little gems I don’t want to forget and that have a particular meaning to me because they appeared in a certain context. I hope it doesn’t look like I’m boasting with cultural knowledge, maybe it does… Well, here are the tweets of sounds of the last two years:

“Movement is the silent music of the body.” – William Harvey

“There is a silence where hath been no sound. There is a silence where no sound may be in the cold grave under the deep deep sea” – Thomas Hood

“Tonight I’m a noisy swamp squelching under your bare toes.” – Dorothy Porter

“Silence is the universal refuge, the sequel to all dull discourses and all foolih acts, a balm to our every chagrin, as welcome after satiety as after disappointment.” – Henry David Thoreau

“Lauscht, hört aber nichts. Nichts regt sich, spricht. Das Dorfgehirn, zerschlagen, schaut mit kleinen Augen.” – Steffen Popp

“Silence is not the absence of sound but the beginning of listening.” – Salomé Voegelin

“The final thing. The illiterate. The dumb. Speech? Quiet but still something? Noises? Nothing?” – Tom Lubbock

“Their pleasantness or unpleasantness is felt without the listener knowing where the grounds for such feelings lie.” – Hermann von Helmholtz

“Du musst doch hören können was ich denke.” – Franziska Schaum

“And the hum, always that hum, which maybe wasn’t an echo after all, but the sound of time passing.” – Jennifer Egan

“And her shape is of such mysterious nastiness that you brace yourself to listen…” – Henri de Régnier

“Hunderte Töne waren zu einem drahtigen Geräusch ineinander verwunden, aus dem einzelne Spitzen vorstanden, längst dessen schneidige Kanten liefen und sich wieder einebneten, von dem klare Töne absplitterten und verflogen.“ – Robert Musil

“The ghost is fascinated by the soldier’s mysterious sound device.” – Apichatpong Weerasethakul (script of “Tropical Malady”)

“Und groß die Stille/groß wie der frischgeteerte Himmel/man müsste sie hören können. Ein tragender Ton für ein paar Sätze” – Christoph Aigner

“The static’s like the sound of thinking. It’s like the sound of thought itself, its hum and rush.” – Tom McCarthy

“In den Regen gesprochen, geflüstert. Staub u Schatten – welch Großeslärmen doch um die-Toten ist. Um die Lebenden Stille” – Reinhard Jirgl

“The longest silence is the most pertinent question most pertinently put. Emphatically silent.” – Henry David Thoreau

“Heard melodies are sweet, but those unheard are sweeter.” – John Keats

“Im Sehen erfassen wir das Skelett der Dinge, im Hören ihren Puls.” – Erwin Strauss

“As if that sound were forming, unlikely as that might be, into a single high, strong voice striking the ear as if trying to penetrate further than into the mere human sense of hearing” – Franz Kafka

“The most exciting moment is the moment when I add sound… At this moment, I tremble.” – Akira Kurosawa

“On the way to a full silence the mark of language brands the body with a reminder of the time.” – Delphine

“Was aber ein regelmäßiges, stumpfes, sinnloses und sich stundenlang wiederholendes Geräusch angeht so müssen die Gehirne wohl verschieden gebaut sein.” – Kurt Tucholsky

“One can see looking. Can one hear listening, smell smelling, etc…?” – Marcel Duchamp

“By listening, one will learn truths. By hearing, one will learn half truths. Lucky numbers 6, 14, 19, 27, 30, 34.” – from a fortune cookie

“Bloom heard a jing, a little sound. He’s off. Light sob of breath Bloom sighed on the silent bluehued flowers. Jingling. He’s gone. Jingle. Hear.” – James Joyce, Ulysses

“Fear of sound, fear of sounds, all sounds, more or less, more or less fear, all sounds…” – Samuel Beckett

“Whereof one cannot speak, thereof one must be silent.” – Ludwig Wittgenstein

“Those unmindful when they hear, for all they make of their intelligence, may be regarded as the walking dead.” – Heraclitus

“While a word awakens other words, silence raises no echo. Silence only prolongs silence.” – Edmond Jabés

“Hearing is a physiological constant, listening is a psychological variable.” – Bruce R. Smith

“This music is about the silence. The sounds are there to surround the silence.” – Martha Ainsworth

“Noise and nausea, noise and nautical, noise and navy have the same etymology. We never hear white noise better than when at sea.” – M. Serres

“I don’t push the sounds around.” – Morton Feldman, responding to Stockhausens question about his secret

“And just imagine that in this infinite sonorous silence everywhere is an impenetrable darkness.” – Béla Tarr, Werckmeister Harmony

“I try to listen to the still, small voice within, but I can’t hear it above the din.” – Eliza Ward

“The only sound that I hear, the only sound in the entire world, is my heart beating.” – Dexter

“Imprisoned in a cage of sound, even the trivial seems profound” – John Betjeman

“Das Schweigen wird nur zum Zeichen, wenn man es sprechen lässt.” – Roland Barthes

“Im Ohr nistet eine Spinne, im anderen eine Grille.” – Michelangelo

“Life is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing” -Shakespeare

“Any given silence takes its identity as a stretch of time being perforated by sound.” – Susan Sontag

“Noise may have lost its power to offend. Silence hasn’t.” – Dan Warburton

“When I am inside a sound then I am inside time.” – Christoph Korn

“Sound: everything we hear and many things we don’t” – Allen S. Weiss

“Sound is touch at a distance.” – Anne Fernald

“We should be sensitive to the thread of silence from which the tissue of speech is woven.” – Maurice Merleau-Ponty

“…unlike other sounds, noise is a nomad; it has no place to go once it has departed.” -Haroon Mirza

„Er fühlte sich wie gehäutet von der Scharfkantigkeit der Geräusche…” – Ralf Rothmann

“…the roar of more slamming doors, the last one finally hammering shut, leaving the room satured in silence.” – M. Danielewski

“L’odeur du silence est si vieille.” – O.W. De L. Milosz (“The odor of silence is so old.”)

“Gerade weil sich die Musik der wörtlichen Beschreibung entzieht, finden sich unter Musikkritikern die größten Metaphoriker.” – R. McCormack

“Hearing silence is successful perception of an absence of sound. A deaf man cannot hear silence.” – Matthew Nudds

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