2011-04-20 16.32.07Yay, darauf muss man erst einmal kommen: Evgeny Morozov, eloquenter und scharfsichtiger Internet-Skeptiker, erklärte in einem Interview für den Guardian, dass er sein Smartphone und sein Routerkabel in einen mit Timer versehenen Safe legt, um sich ungestört von der vernetzten Welt in Bücher und Artikel vertiefen zu können. Er sperrt sogar alle Schraubenzieher in den Safe, die er bräuchte, um den Timer zu umgehen. In seinen Worten vermeidet er dadurch den inneren Kampf mit der dauernden Versuchung, online zu gehen. Seine Willenskraft verwendet er lieber auf seine Arbeit. Nicholas Carr nahm diese Aussage zur Gelegenheit, etwas die Nase zu rümpfen über dieses suchtartige Verhalten eines offensichtlichen “webaholics”, was er als weiteren Beleg für seine These aus seinem Buch “The Shallows” nimmt, dass das Internet unsere Fähigkeit zur konzentrierten Lektüre und tiefergehender Gedankenarbeit vermindert. Morozov brauchte keine 16 Minuten, um auf den Blog-Post von Carr mit einem Kommentar zu antworten (er muss zu dem Zeitpunkt seinen Safe nicht genutzt haben…). Nach ein paar Erklärungen und Rechtfertigungen von Seiten Morozovs zu seinem Online-Verhalten entspinnt sich ein hochinteressanter Streit zwischen beiden über die Verwendung des Begriffs “das Netz”. Morozov wirft Carr eine netz-zentristische Sicht und “Essentialismus” vor, während Carr linguistische Haarspaltereien in Morozov’s “close reading” seiner Argumente sieht.

Man muss dazu wissen, dass beide hier einen akademischen Hahnenkampf um die Deutungshoheit als Internet-Skeptiker ausfechten. Evgeny Morozov verriss 2010 Carr’s Buch “The Shallows” in einer Review, worauf sich Carr mit einigen kritischen Worten zu Morozov’s neustem Buch “To Save Everything Click Here” revanchierte. Beide sind sehr smarte Analysten und Kritiker der Netzwerkgesellschaft, die weitaus mehr intellektuelles Futter anzubieten haben als Netzavantgardisten wie Clay Shirky oder Jeff Jarvis – ganz zu schweigen von Frank Schirrmacher, der sich gerne die Krone des Netzkritikers in Deutschland aufsetzt. Morozov tut seiner Sache aber keinen Gefallen, wenn er auf ganz unironische Weise auf Carr’s Blog-Post mit rechthaberischer Zurechtweisung reagiert, um später auf Twitter zu verkünden, er habe Nicholas Carr niedergerungen.

“To Save Everything Click Here” ist schon seit langem vorbestellt und müsste die nächsten Tage eintrudeln, aber irgendwie kann ich mich nicht mehr so richtig auf das Buch freuen, seitdem Morozov als dickköpfiger Besserwisser erscheint, dem es eher darum geht, eine Diskussion zu “gewinnen” als leicht abweichende intellektuelle Positionen neben seinen zu akzeptieren.